Ich weiß gar nicht genau, wann diese Geschichte angefangen hat. Vielleicht an dem Tag, an dem ich im Jänner in meinen Trailer gestiegen bin, alles verstaut habe und losgefahren bin. Vielleicht aber auch schon viel früher.
Ich glaube, manche Wege beginnen lange bevor wir den ersten Schritt machen. Irgendetwas in uns weiß schon, dass Veränderung kommt. Der Kopf ist einfach nur der Letzte, der davon erfährt. Ich hab damals nur eines gewusst: Ich musste weg. Nicht vor etwas. Wobei auch ein bisschen „raus aus Wien“ Feeling. Generell aber eher… zu etwas hin.
Was dieses Etwas war, hätte ich dir damals nicht sagen können. Heute wahrscheinlich auch nicht. Also bin ich losgefahren. Über Deutschland durch Frankreich. Mit meinem Trailer. Mit meinem Hund Shams. Mit ziemlich viel Vertrauen. Und mindestens genauso vielen Fragezeichen.
Wenn ich heute an die Abfahrt denke, muss ich lachen. Damals fand ich sie überhaupt nicht lustig. Es war kalt, eisig und ich bin beinahe nicht aus meiner Parklücke gekommen. Die Reise war lange, einige Stops. Eines war irgendwie immer gleich. Es war kalt. Es hatte geregnet. Viel. Viele neue Orte die ich über diese Zeit entdecken durfte.
Als plötzlich alles unter Wasser stand
Als ich auf meinen ersten langen Stop, einen Pferdehof gefahren bin, stand alles unter Wasser. Wirklich alles. Ich weiß noch, wie ich langsam Richtung Tor gefahren bin und nur gedacht habe: „Juliane… ernsthaft? Was hast du da jetzt schon wieder gemacht? Auf einen Hof fahren wo du über Facebook eingeladen worden bist spontan.“

Ich glaube, wir erzählen uns im Nachhinein gerne schöne Geschichten. Als hätte alles genau so sein müssen. Als hätten wir immer gewusst, dass etwas Großes daraus entsteht. Bei mir war das überhaupt nicht so. Ich war unsicher. Ich war müde. Und ich habe mich gefragt, warum ich ausgerechnet hier gelandet bin. Ich hätte damals nie gedacht, dass genau dieser Ort einmal zu den Orten gehören würde, die ich Heimat nenne. Und trotzdem war es so. Nicht sofort. Ganz langsam.
Vielleicht ist das überhaupt etwas, das ich in den letzten Monaten immer wieder erlebt habe. Die wichtigen Dinge kommen selten mit einem Knall. Sie schleichen sich ein. Fast unbemerkt.
Ich habe dort gearbeitet. Vor allem den Weinreben. Tag für Tag. Schnitt für Schnitt. Es klingt nicht besonders spannend. War es wahrscheinlich auch nicht. Und gleichzeitig war es genau das, was ich gebraucht habe. Es hat Tage gegeben, an denen ich stundenlang kaum gesprochen habe. Ich war einfach draußen. Mit der Erde. Mit dem Wind. Mit meinen Gedanken. Oder vielleicht auch ohne Gedanken. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal so wenig musste. Kein Handy. Keine Termine. Keine E-Mails. Kein Gefühl, ständig irgendwo sein zu müssen. Einfach arbeiten.
Das klingt fast zu einfach. Vielleicht war genau das das Schwierige. Ich glaube, wir haben verlernt, einfach irgendwo zu sein. Ohne etwas daraus machen zu müssen. Ohne sofort die nächste Idee zu haben. Ohne den Gedanken, dass jede Erfahrung einen Zweck erfüllen muss.
Was Pferde sehen, wenn wir aufhören, etwas sein zu wollen
Die Pferde waren natürlich da. Eigentlich waren sie der Grund, warum ich überhaupt hingefahren bin. Ich wollte schon immer Pferden etwas näher sein, weil ich sehr viel spannendes über ihre Energien gehört habe. Und gleichzeitig waren sie am Ende etwas völlig anderes als das, was ich erwartet hatte. Ich dachte, ich würde etwas über Pferde lernen. Am Ende haben sie mir etwas über mich gezeigt.
Ich war diejenige, die ständig etwas wollte. Nähe. Vertrauen. Verbindung. Ich wollte alles richtig machen. Ich habe beobachtet. Gewartet. Versucht, ihre Sprache zu verstehen. Nicht in die Angst zu gehen wegen ihrer Größe und Präsenz. Und irgendwann habe ich damit aufgehört. Nicht bewusst. Ich war einfach irgendwann müde davon.
Vielleicht kennst du das. Diesen Moment, in dem man aufhört, sich anzustrengen. Nicht weil man aufgegeben hat. Sondern weil man keine Kraft mehr hat, ständig etwas erreichen zu wollen. Genau da ist etwas passiert.
Ich habe damals gar nicht verstanden, warum mich das so berührt. Heute glaube ich, dass Tiere etwas sehen, das wir Menschen oft übersehen. Sie reagieren nicht auf das Bild, das wir von uns zeigen. Sie reagieren auf das, was darunter liegt. Und vielleicht war ich zum ersten Mal seit Langem einfach nur da.
Nicht Gründerin. Nicht Begleiterin. Nicht die Frau vom Kraftplatz Anima. Nicht die, die alles im Griff haben sollte. Einfach Juliane.
Ich merke gerade beim Schreiben, dass mir das fast ein bisschen unangenehm ist. Weil ich mich frage, ob das nicht selbstverständlich sein sollte. Natürlich bin ich Juliane. Aber ich glaube, viele kennen das. Irgendwann werden die Rollen so groß, dass man sie mit sich selbst verwechselt.
Zwischen Weinreben und Stille
Die Zeit in Portugal war besonders. Wenn mich heute jemand fragt, warum eigentlich Portugal, dann muss ich immer noch überlegen. Ich habe keinen konkreten Plan dafür gehabt. Keine Liste mit Dingen, die ich dort erreichen wollte. Ich hatte eher… Bilder. Ein Gefühl. Ein „Ja diese Einladung kann und soll ich annehmen.“ So als würde mich etwas dorthin ziehen.
Früher hätte mir das nicht gereicht. Früher wollte ich verstehen. Ich wollte wissen, warum. Ob es sinnvoll ist. Ob es „vernünftig“ ist. Heute merke ich immer mehr, dass die wichtigsten Entscheidungen in meinem Leben nie besonders „vernünftig“ waren.
Anima war nicht „vernünftig“. Mich selbstständig zu machen war nicht „vernünftig“. Einen Kraftplatz aufzubauen mitten im Wald war auch nicht „vernünftig“.
Und trotzdem würde ich keinen dieser Schritte zurücknehmen. Weil, was ist schon vernünftig? Vielleicht funktioniert mein Leben einfach anders. Vielleicht funktioniert Leben überhaupt anders. Vielleicht müssen wir nicht immer zuerst verstehen, bevor wir losgehen. Vielleicht verstehen wir erst, weil wir losgegangen sind.
In Portugal habe ich zum ersten Mal gespürt, dass ein Ort sich wie Zuhause anfühlen kann, obwohl man noch nie dort gewesen ist. Obwohl es nicht mein Ort, nicht Anima ist. Das ist schwer zu beschreiben. Ich bin zwischen den Weinreben gestanden. Die Sonne war anders als zuhause. Das Licht war anders. Selbst die Erde hat anders gerochen. Und trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, fremd zu sein. Eher das Gefühl, angekommen zu sein. Nicht für immer. Aber genau für diesen Moment.
Das hat mich beschäftigt. Ich glaube, wir verbinden Zuhause oft mit einem Ort. Mit einer Adresse. Mit einem Land. Ich bin mir da inzwischen nicht mehr so sicher. Oder eigentlich schon. Zuhause ist überall dort, wo wir aufhören, uns selbst erklären zu müssen.

Als ich zurückkam, war Anima nicht mehr dieselbe
Als ich wieder nach Spanien, auf den Kraftplatz Anima zurückgekommen bin, war ich ehrlich gesagt gespannt. Ich habe den Ort vermisst. Und gleichzeitig hatte ich Angst davor, dass sich etwas verändert haben könnte.
Es hat sich etwas verändert. Nicht so, wie ich gedacht habe. Die Sträucher waren weg. Einige Bäume waren weg. Die Aufforstung war voll abgeschlossen. Dort, wo jahrelang dichtes Grün gewesen war, war plötzlich Weite.
Ich weiß noch, dass ich einfach stehen geblieben bin. Ich konnte gar nicht richtig einordnen, was ich da fühle. Ein wenig Traurigkeit war ganz kurz da. Vielleicht, weil diese Sträucher für andere einfach Sträucher waren. Für mich waren sie Erinnerungen. Sie waren Schutz. Sie waren ein Stück meiner Geschichte hier. Und dann waren sie plötzlich weg.
Es hat aber gar nicht lange gedauert und da war etwas anderes. Nicht Verlust. Raum. Ich konnte weiter sehen. Das Licht fällt anders auf den Boden. Der Wind bewegt sich anders durch den Wald. Es hat sich krass offener angefühlt – Freier.
Warum Loslassen manchmal zuerst wie Verlust aussieht
In diesem Moment ist mir etwas aufgefallen. Ich glaube, ich hat die ganze Zeit nur gesehen, was fehlt. Nicht das, was entstanden ist. Das hat mich ziemlich beschäftigt. Weil ich gemerkt habe, dass ich das nicht nur mit Orten mache. Sondern auch mit mir.
Wie oft schaue ich auf das, was gerade nicht mehr da ist? Auf das, was endet. Auf das, was ich loslassen muss. Und wie selten bemerke ich den Raum, der dadurch entsteht.
Vielleicht fühlt sich Loslassen deshalb am Anfang so schmerzhaft an. Weil wir den leeren Platz sehen. Nicht das, was dort einmal wachsen wird.
Ich glaube, genau das hat mir Anima gezeigt. Nicht indem der Wald mit mir gesprochen hätte. Sondern einfach dadurch, dass er Wald ist. Die Natur erklärt nichts. Sie macht einfach. Sie hält nichts fest. Kein Baum versucht seine alten Blätter festzukleben. Kein Fluss versucht, das Wasser von gestern zurückzuholen. Alles bewegt sich. Alles verändert sich. Nicht hektisch. Nicht dramatisch. Einfach, weil Leben genau das tut.
Und ich? Ich merke, wie oft ich versuche festzuhalten. An Vorstellungen. An Bildern. An Ideen darüber, wie etwas sein müsste. Vielleicht sogar an einem Bild von mir selbst.

Die Geschichte, vor der ich lange weggeschaut habe
In den Wochen danach habe ich mich intensiv mit meiner Vaterlinie beschäftigt. Das ist nichts, worüber ich besonders oft gesprochen habe. Vielleicht, weil ich selbst lange gar nicht gewusst habe, wie ich darüber sprechen soll.
Es hat nie eine Verbindung gegeben. Keine Geschichten, die ich erzählen könnte. Kein Gefühl von Vertrautheit. Ich habe diesen Teil meines Lebens eher auf Abstand gehalten. Es war einfach so. Und irgendwann habe ich gemerkt, wie viel Kraft das kostet. Nicht die Geschichte. Sondern das Fernhalten.
Ich finde das schwer in Worte zu fassen. Es war nicht so, dass plötzlich alles gut war. Oder alles verstanden. Überhaupt nicht. Aber ich habe zum ersten Mal gespürt, dass da etwas zu mir gehört. Nicht weil ich es gut finden muss. Nicht weil ich alles entschuldigen muss. Sondern einfach, weil es Teil meiner Geschichte ist.
Und ich glaube, Ganzwerden beginnt genau dort. Nicht wenn alles heil ist. Sondern wenn wir aufhören, ständig Teile von uns wegzuschieben.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mir das Wort Transformation in letzter Zeit nicht mehr richtig gefällt. Es klingt für mich oft so, als müssten wir jemand Neues werden. Eine bessere Version. Eine bewusstere Version. Eine erfolgreichere Version.
Ich weiß nicht. So fühlt es sich für mich nicht an. Ich habe in den letzten Monaten nicht das Gefühl gehabt, jemand Neues zu werden. Eher das Gegenteil. Ich hatte immer öfter das Gefühl, langsam aufzuhören, jemand sein zu wollen. Und wieder die zu werden, die ich eigentlich schon immer war. Das klingt fast zu einfach. Aber genau so fühlt es sich an.
Die ruhigsten Monate waren die bewegendsten
Wenn ich heute auf die letzten Monate zurückschaue, dann sieht das von außen wahrscheinlich gar nicht nach besonders viel aus. Ich war gut fünf Monate unterwegs. Dann war ich wieder hier. Ich habe gearbeitet. War viel draußen. Habe weniger gepostet. Weniger Videos gemacht. Weniger gezeigt.
Von außen könnte man sagen: Es war ruhig. Ich glaube, es waren die intensivsten Monate der letzten Jahre. Nicht weil so viel passiert ist. Sondern weil so wenig passiert ist. Das klingt irgendwie widersprüchlich. Ist es vielleicht auch. Aber genau das beschäftigt mich seit meiner Rückkehr.
Wir leben in einer Zeit, in der ständig etwas passieren soll. Etwas Neues. Ein neues Angebot. Ein neues Projekt. Der nächste Meilenstein. Mehr Reichweite. Mehr Sichtbarkeit. Mehr. Ich kenne das genauso. Ich bin selbstständig. Natürlich kenne ich das.
Und ich merke auch, wie schnell ich anfange zu glauben, dass ich nur dann auf dem richtigen Weg bin, wenn etwas sichtbar wird. Wenn etwas wächst. Wenn Zahlen nach oben gehen. Wenn ich etwas vorzeigen kann.
Die letzten Wochen konnte ich das nicht. Ich hätte dir wahrscheinlich nicht einmal sagen können, was ich eigentlich gemacht habe. Und trotzdem hatte ich jeden Abend das Gefühl, dass dieser Tag wichtig war. Nicht produktiv. Nicht erfolgreich. Wichtig. Das ist ein großer Unterschied.
Ich habe hier oft einfach gesessen. Mit einem Kaffee. Mit meinem Hund. Ich habe den Vögeln zugeschaut. Ich bin durch den Wald gegangen. Immer wieder dieselben Wege. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich sie gar nicht mehr gehe, um irgendwo anzukommen. Ich gehe sie, weil sie mich daran erinnern, wer ich bin. Vielleicht klingt das kitschig. Aber genau so ist es.
Es gibt Ecken auf Anima, da muss ich jedes Mal stehen bleiben. Nicht weil dort etwas Besonderes ist. Sondern weil ich dort plötzlich wieder ruhig werde. Ich glaube, jeder Mensch hat solche Orte. Manche liegen im Wald. Andere am Meer. Vielleicht ist es auch einfach eine Parkbank. Oder die Küche der Großeltern. Orte, an denen man nicht funktionieren muss. Ich wünsche mir manchmal, dass wir solche Orte ernster nehmen. Nicht als Luxus. Sondern als etwas, das wir wirklich brauchen.

Was von dieser Reise bleibt
Wenn ich heute versuche, diese Reise zusammenzufassen, dann merke ich, dass ich das gar nicht kann. Es wäre zu einfach zu sagen: „Frankreich hat mich verändert.“ Oder: „Portugal hat mir gezeigt…“ Nein. So war es nicht. Die Reise hat nichts mit mir gemacht. Sie hat nur Dinge sichtbar gemacht, die wahrscheinlich schon lange da waren.
Sie hat mir Zeit gegeben. Zeit, wieder zu hören, was unter all dem Lärm eigentlich noch übrig bleibt.
Und ehrlich gesagt glaube ich, dass wir alle das brauchen. Nicht unbedingt eine Reise nach Frankreich. Nicht Portugal. Nicht einmal einen Kraftplatz. Sondern Momente, in denen wir aufhören, ständig etwas aus uns machen zu wollen.
Ich weiß nicht, warum wir so überzeugt davon sind, dass wir immer noch besser werden müssen. Vielleicht reicht es manchmal, wieder näher zu uns selbst zu kommen. Nicht spektakulär. Nicht in sieben Schritten. Nicht mit einer Morgenroutine, die alles verändert. Sondern ganz langsam
Und vielleicht ist das die einzige Erkenntnis, die ich aus den letzten Monaten wirklich mitnehme. Ich muss gar nicht ständig jemand Neues werden. Ich möchte vielmehr immer öfter den Mut haben, die zu sein, die ich längst bin. Nicht perfekt. Nicht angekommen. Nicht fertig. Aber da. Und irgendwie fühlt sich das gerade nach einem ziemlich guten Anfang an.
Danke, dass du hier bist.
In deiner Wahrheit. In deinem Mut. In deinem Werden.
Mit Liebe,
Juliane, Gründerin von Shanima
Weitere Themen rund um Transformation, Natur, Selbstentwicklung und so vieles mehr siehst du in den anderen Blogartikeln hier.
