Ich sage seit Jahren, dass ich Menschen durch Transformation begleite. Aber in letzter Zeit merke ich: Das Wort stimmt nicht mehr ganz.

Transformation. Ein Wort, dass ich oft verwende. In Gesprächen. In meinen Texten. Wenn mich jemand fragt, was ich tue.
Ich begleite Menschen durch bzw. in der eigenen Transformation. Das Wort kommt leicht. Es klingt auch recht stimmig, rund. Eben verständlich und professionell. Aber in letzter Zeit – gerade hier, am Kraftplatz Anima, in der Stille nach einer langen Reise – merke ich: Das Wort reicht nicht.

Mittlerweile kann ich mir eingestehen, dass es irgendwie eine Hülle ist. Zwar clean und verständlich, aber zu glatt für das, was ich wirklich meine.
Transformation ist ein Modebegriff geworden. Du findest ihn auf jeder zweiten Website. In jedem zweiten Coaching-Angebot oder Retreat Seiten. Für mich hat sich der Begriff fast schon etwas abgenutzt. Nicht weil das, was dahintersteht, nicht real wäre. Sondern weil das Wort inzwischen zu schnell über etwas hinweggängt, was langsam, tief und oft auch schmerzhaft ist.

Was ich meine – wenn ich es ehrlich sage – ist etwas anderes. Es ist nicht das Werden einer besseren Version. Nicht das Optimieren. Nicht das Erreichen. Es ist das Hinschauen. Das Hinspüren. Das Aushalten, was man findet.

Und in den letzten Wochen hat mich das ganz konkret eingeholt. Durch meine Ahnen.

Ich glaube, wir tragen eine kollektive Sehnsucht nach Veränderung. Nach dem Gefühl, nicht mehr dieselben zu sein wie gestern. Nach Wachstum. Nach Klarheit. Nach dem Ankommen in sich selbst.

Aber was wir dabei oft übersehen: Veränderung – echte Veränderung – passiert nicht durch das Hinzufügen. Sie passiert durch das Hinschauen auf das, was schon da ist. Auf die Muster, die sich wiederholen. Auf die Räume in uns, die wir gemieden haben. Auf die Menschen, die Linien, die Geschichten – die wir lieber draußen gelassen haben.

Und genau dort – in dem, was wir ausschließen – liegt oft das, was uns am meisten nährt. Das ist, was ich gerade sehr deutlich spüre.

Ich beschäftige mich seit einigen Wochen intensiv mit meinen Ahnen. Nicht zum ersten Mal. Aber diesmal ist es doch merklich anders.

Tiefer. Unausweichlicher. Besonders diese eine Linie „zieht mich gerade an“ bzw. macht sich sehr präsent. Die Vaterlinie. Eine Linie, zu der es keine Beziehung gibt. Keine Geschichte, die ich kenne. Keine Nähe, die ich gespürt habe.
Ein Teil von mir, den ich – bewusst oder unbewusst – lange auf Abstand gehalten habe. Und doch. Sie ist halt auch da. Sie war immer da.

Ich merke in letzter Zeit immer klarer: Wenn wir einen Teil von uns ausschließen – einen Menschen, eine Linie, eine Geschichte – schließen wir auch etwas von uns selbst aus. Eine Ressource. Eine Kraft. Eine Wurzel. Etwas, das uns gehört. Das immer „zu uns“ gehört hat.

Das ist keine romantische Vorstellung in der ich mich gerade bade. Auch keine spirituelle Pflicht oder sonst was. Es ist keine Aufforderung, Dinge schönzureden oder Unrecht zu vergessen.
Es ist etwas viel Schlichteres: Das Öffnen einer Tür. Nicht mit Erwartung. Nicht mit einem Plan. Sondern mit Neugier. Mit Offenheit. Mit dem Mut, sich dem zu zeigen, was wartet.

Ich habe diese Tür geöffnet, wenn man so ein Bild malen möchte. Absolut zögerlich und vorsichtig. Ohne zu wissen, was mich erwartet.

Und ich habe etwas gespürt, das mich überrascht hat: Nähe. Nicht weil auf einmal alles geklärt war. Nicht weil die Vergangenheit sich verändert hat. Sondern weil Verbindung etwas in uns trägt – auch dann, wenn wir sie lange nicht gespürt haben. Vielleicht gerade dann.

Weil das Nicht-Spüren immer auch Energie kostet. Weil das Abgrenzen, das Aushalten, das Auf-Abstand-Halten – uns müde macht, ohne dass wir es merken. Und wenn diese Spannung nachlässt – wenn du aufhörst, gegen etwas anzukämpfen, das du lange nicht wahrgenommen hast – dann wird etwas frei.

Ich möchte hier ehrlich sein – weil ich glaube, dass das Thema Ahnen oft missverstanden wird. Oder etwas hineininterpretiert wird, was so nicht ist. Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu verherrlichen. Nicht darum, Menschen, die Fehler gemacht haben, plötzlich zum Ideal zu erklären.

Es geht um etwas viel Grundlegenderes. Wir sind das Ergebnis einer langen Linie von Menschen. Die überlebt haben. Die gekämpft haben. Die geliebt haben. Die Fehler gemacht haben und trotzdem weitergegangen sind. Die – ob wir es wollen oder nicht – ein Stück von dem sind, was wir heute sind.

Wenn wir einen Teil dieser Linie abschneiden – wenn wir sagen: dieser Mensch, diese Geschichte, dieser Teil gehört nicht zu mir – dann trennen wir uns von einem Teil unserer eigenen Wurzeln.
Und Wurzeln brauchen wir. Nicht weil die Vergangenheit schön war. Sondern weil wir ohne Wurzeln nicht wachsen können. Weil Stabilität eben immer aus der Tiefe kommt.

Das Öffnen hin zu meiner Vaterlinie – auch ohne konkrete Beziehung, auch ohne vollständige Geschichte – hat mir etwas zurückgegeben, von dem ich irgendwie schon wusste, dass es fehlt. Eine Art von Fundament, ein Teil meines Fundaments, was irgendwie gefehlt hat. Als wäre unter mir plötzlich mehr Boden. Als dürfte ich ein Stück mehr auf dieser Erde stehen.

Einzelne lila Blume wächst aus sandigem Boden zwischen Ästen und kleinen Pflanzen.

Was mich in diesem Zusammenhang gerade besonders beschäftigt: Die Richtung von Heilung.

Wir denken oft, dass Heilung nach vorne geht. Dass wir uns verbessern, verändern, weiterentwickeln. Und ja – das stimmt. Das ist ein Teil davon.

Aber Heilung geht auch rückwärts.

Wenn ich mich meiner eigenen Geschichte stelle – den Mustern, die ich übernommen habe, den Wunden, die schon vor mir da waren, den ungelebten Leben meiner Ahnen – dann verständige ich mich mit dem, was war.

Und das verändert nicht nur mich. Es verändert das, was ich weitertrage. Es verändert das, was nach mir kommt. Das klingt groß. Und es ist groß.
Und gleichzeitig beginnt es ganz klein. Mit dem Innehalten. Mit der Frage: Was trage ich, das nicht meines ist? Mit dem Mut, hinzuschauen. Ohne sofort zu wissen, was man sieht.

Ich bin gerade wieder hier. Nach einer langen Reise. Und ich merke: Dieser Ort tut das, was Orte tun können, wenn sie wirklich Kraftplatz sind. Er hält Raum. Er spiegelt. Er wartet.

Vieles hat sich verändert hier. Durch die Aufforstung ist manches weggegangen. Sträucher, Bäume, vertraute Formen. Auf den ersten Blick: Leere. Und dann – langsam – merkst du: Es ist kein Verlust.

Es ist Raum. Freier Raum. Raum zum Entfalten. Zum Atmen. Zum Werden. Und ich denke: So ist das auch in uns. Wenn etwas weggehen darf – ein Muster, eine Überzeugung, eine alte Geschichte – dann entsteht nicht einfach Leere.
Dann entsteht Möglichkeit. Das spüre ich gerade sehr. In mir. Auf diesem Boden. Unter diesen Bäumen. Es ist das Gefühl, mehr Platz zu haben – für das, was wirklich zu mir gehört.

Ich frage mich das oft. Aber mittlerweile nicht mit Angst. Nicht mehr. Sondern mit echtem Interesse.

Wer bin ich, wenn ich aufhöre, mich zu erklären? Wer bin ich jenseits meiner Rolle, meiner Arbeit, meiner Geschichte? Wer bin ich in dem, was ich noch nicht kenne von mir?
Und – vielleicht am wichtigsten: Wer will ich sein? Für mich. Für mein Leben. Für die, die nach mir kommen?

Das sind keine Fragen, die man einmal beantwortet und abheftet. Das sind Fragen, die das Leben mit einem stellt – immer wieder, in immer neuen Formen. Und die Kunst ist, nicht wegzuschauen. Nicht weil Hinschauen immer angenehm ist.
Sondern weil es das Einzige ist, das wirklich trägt. Weil echtes Leben – lebendiges Leben – aus der Begegnung mit sich selbst entsteht. Nicht aus dem Vermeiden. Aus dem Spüren.

Steinkreis am Kraftplatz Anima – Naturraum für Rituale, Visionssuche und schamanische Prozessbegleitung

Ich habe lange nach einem anderen Wort für das gesucht, was ich tue. Für das, womit ich Menschen begleite. Für das, was ich selbst lebe. Und ich glaube, ich habe es gefunden, zumindest für jetzt mal.

Ganz werden. Nicht perfekt werden. Nicht fertig werden. Nicht alle Antworten haben. Sondern: sich selbst immer vollständiger begegnen.
Die Teile annehmen, die man lange versteckt hat. Die Linien integrieren, von denen man sich abgewandt hat. Die Geschichten anschauen, die man lieber nicht gehört hätte. Und dabei – Schritt für Schritt – ganzer werden.

Das ist kein linearer Prozess. Es ist kein Programm, das man durchläuft. Es ist eher wie das Spüren des Bodens unter den Füßen. Mal fest. Mal wackelig. Mal nass und unwegsam. Aber immer da.

Hand hält kleine weiße Feder auf nacktem Bein – Symbol für Leichtigkeit und Achtsamkeit“

Ganz werden.

Ganz werden ist kein Ziel. Es ist eine Richtung. Und jeder Schritt zählt!

Ich bin noch mitten drin. In meiner eigenen Geschichte. Meinen eigenen Linien. Meinem eigenen Werden. Und das – merke ich gerade und gestehe ich mir zu – ist kein Mangel. Es ist das Leben selbst. Lebendig. Offen. Real. Nicht Transformation. Ganz werden.

Weitere Themen rund um Transformation, Natur, Selbstentwicklung und so vieles mehr siehst du in den anderen Blogartikeln hier.

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