Gedanken über die eigene Wahrnehmung, die Stimme in uns und das, was wir von unseren Ahnen mittragen.
Manchmal weiß ich etwas, bevor ich es in Worte fassen kann. Da ist ein Gefühl. Ein leises Ziehen. Eine Unruhe, die sich nicht erklären lässt. Oder eben eine Ruhe, die plötzlich da ist, wenn ich an etwas denke, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Und dann kommt mein Kopf. Er will verstehen. Abwägen. Gründe finden. Er stellt Fragen, sucht Argumente und versucht, die Dinge in eine Ordnung zu bringen. Manchmal hilft mir das durchaus. Und manchmal redet er so lange, bis ich nicht mehr weiß, was ich eigentlich gespürt habe. Kennst du das?
Du weißt eigentlich, dass etwas nicht mehr passt. Aber du kannst es noch nicht begründen. Du spürst, dass du Nein sagen möchtest, und hörst dich trotzdem Ja sagen. Du triffst eine Entscheidung, die auf dem Papier absolut sinnvoll ist. Und trotzdem fühlt sich etwas in dir schwer an.
Ich kenne diese Momente. Und ich merke immer wieder, wie schnell ich versuche, sie mit dem Verstand aufzulösen, anstatt erst einmal dazubleiben.
Vielleicht müssen wir nicht immer sofort verstehen, was in uns vorgeht. Vielleicht dürfen wir erst einmal wahrnehmen.

Der Körper spricht. Aber hören wir ihm überhaupt zu?
Im Alltag bin ich schnell im Kopf. Ich denke voraus, plane, hinterfrage. Ich beschäftige mich mit dem, was möglich wäre, was sinnvoll ist und was als Nächstes ansteht.
Und irgendwo dazwischen ist mein Körper. Er geht mit, macht mit und trägt mich durch den Tag. Bis ich irgendwann merke, dass ich schon wieder viel zu lange nicht wirklich bei mir war. Dass ich angespannt bin. Dass mein Atem flach geworden ist. Dass ich müde bin, obwohl ich mir noch tausend Dinge vorgenommen habe.
Manchmal bemerke ich erst in der Stille, wie laut es in mir eigentlich ist. Und manchmal braucht es gar keine große Erkenntnis. Nur einen Moment, in dem ich stehen bleibe.
Ein paar bewusste Schritte. Den Boden unter meinen Füßen. Den Wind auf meiner Haut. Meinen Atem, ohne ihn verändern zu müssen. Und dann bin ich wieder da. Nicht unbedingt mit einer Antwort. Aber mit mir.
Ich glaube, wir haben verlernt, unserer eigenen Wahrnehmung Raum zu geben. Wir wollen wissen, warum etwas so ist. Wir wollen es einordnen, erklären und möglichst schnell lösen. Dabei übergehen wir manchmal genau das, was uns einen ersten Hinweis geben könnte.
Wie fühlt sich das gerade an? Was geschieht in mir, wenn ich an diesen Menschen denke? Was nehme ich wahr, wenn ich für einen Moment aufhöre, mir selbst eine Antwort geben zu wollen?
Der Körper liefert nicht auf jede Frage eine eindeutige Wahrheit. Aber er zeigt uns, wie wir etwas erleben. Und manchmal beginnt genau dort eine Erkenntnis, für die uns bisher die Worte gefehlt haben.
Welche Stimme in mir ist eigentlich meine?
Lange habe ich eine Stimme für meine eigene gehalten, ohne wirklich zu hinterfragen, ob sie das ist. Die Stimme, die mir gesagt hat, was als Nächstes zu tun war. Die gewusst hat, was vernünftig ist. Was man macht. Was von mir erwartet wird.
Irgendwann hab ich begonnen, genauer hinzuhören. Und ich hab mich gefragt: Wenn ich jetzt nur auf mich hören würde – ohne Rücksicht darauf, was andere erwarten, ohne sofort eine Begründung finden zu müssen –, was würde ich dann wirklich wollen?
Ich finde diese Frage gar nicht so einfach. Denn wir tragen so viel in uns, das wir irgendwann übernommen haben. Vorstellungen davon, wie wir sein sollten. Wie wir arbeiten, lieben, leben und Entscheidungen treffen sollten. Manches davon passt zu uns. Anderes vielleicht längst nicht mehr. Und manchmal ist es schwer, den Unterschied zu erkennen.
Ich kann etwas wollen, weil es wirklich aus mir kommt. Ich kann es aber auch wollen, weil ich gelernt habe, dass ich dafür Anerkennung bekomme. Weil ich niemanden enttäuschen möchte. Weil ich gut darin geworden bin, Erwartungen zu erfüllen.
Von außen sieht das oft gleich aus. Der Unterschied zeigt sich manchmal erst, wenn ich still werde und mich frage, wie es mir damit eigentlich geht. Nicht: Ist das richtig? Sondern: Ist das wirklich meins?
Ich habe darauf nicht immer eine Antwort. Und vielleicht ist genau das wichtig. Nicht sofort zu wissen, was richtig ist. Nicht jede Unsicherheit wegmachen zu müssen. Sondern wieder neugierig auf sich selbst zu werden.

Was ich von meinen Ahnen mittrage
Wenn ich über die eigene Stimme nachdenke, lande ich irgendwann auch bei meinen Ahnen. Genauer gesagt meiner mütterlichen Linie. Bei den Frauen, die vor mir da waren. Bei den Leben, die sie geführt haben, bei ihren Möglichkeiten und Grenzen, ihren Entscheidungen und ihren Geschichten.
Ich frage mich, was von ihnen in mir weiterlebt. Was ist ausgesprochen worden? Was ist unausgesprochen geblieben? Welche Wünsche haben sie gehabt? Was haben sie zurückstellen müssen? Wo waren sie mutig, und wo haben sie vielleicht keine Wahl gehabt?
Ich werde nicht auf alles Antworten finden. Aber mich berührt der Gedanke, dass wir nicht völlig losgelöst von dem sind, was vor uns war.
Wir wachsen in Geschichten hinein. Wir lernen, wie Beziehungen funktionieren, wie man mit Schwierigkeiten umgeht und was es bedeutet, dazuzugehören. Manches wird uns erzählt. Anderes lernen wir, ohne dass jemals darüber gesprochen wird.
Vielleicht übernehmen wir bestimmte Haltungen, weil sie in unserer Familie selbstverständlich waren. Vielleicht entwickeln wir Fähigkeiten, die uns helfen, mit dem Leben umzugehen. Vielleicht gibt es Dinge, die wir erst hinterfragen, wenn wir merken, dass sie uns heute nicht mehr guttun.
Nicht jede unserer Reaktionen hat ihren Ursprung in der Familiengeschichte. Aber manchmal kann der Blick zurück helfen, uns selbst im Heute besser zu verstehen. Vielleicht geht es gar nicht darum, alles aufzulösen, was vor uns war. Vielleicht geht es darum, bewusster damit umzugehen. Ich darf würdigen, woher ich komme, ohne meinen eigenen Weg aus den Augen zu verlieren.
Wenn ich langsamer werde, verändert sich mein Blick
Am Kraftplatz Anima erlebe ich immer wieder, wie anders wir uns selbst begegnen können, wenn wir langsamer werden.
In der Natur gibt es nichts zu optimieren. Keinen Weg, der möglichst schnell zurückgelegt werden muss. Keine Aufgabe, die ich erledigen sollte. Keine Antwort, die ich sofort finden muss. Da ist der Boden unter meinen Füßen. Das Licht zwischen den Bäumen. Das Knacken eines Astes. Mein eigener Rhythmus. Und irgendwann merke ich, dass ich nicht mehr nur denke.
Ich nehme wahr. Manchmal taucht eine Frage auf, die ich im Alltag immer wieder weggeschoben habe. Manchmal wird mir klar, dass ich etwas schon lange nicht mehr möchte. Manchmal spüre ich einfach, dass ich müde bin und Ruhe brauche. Und manchmal passiert gar nichts Besonderes. Auch das gehört dazu. Ich muss nicht aus jedem Moment eine Erkenntnis machen. Ich muss nicht einmal wissen, warum mir etwas gerade guttut. Es reicht, dass ich es wahrnehme.
Vielleicht ist das eine der einfachsten und gleichzeitig schwierigsten Übungen: nicht sofort etwas aus dem zu machen, was wir erleben. Nicht gleich zu bewerten. Nicht gleich zu erklären. Nicht gleich weiterzugehen. Sondern für einen Moment dazubleiben.
Ich glaube, dass genau dort etwas entstehen kann, das wir im Alltag oft suchen: eine Klarheit, die nicht erzwungen ist. Nicht unbedingt eine fertige Antwort. Aber ein besseres Gefühl dafür, was gerade in uns vorgeht.
Wie möchte ich eigentlich wirken?
Auch für meine Arbeit beschäftigt mich das. Ich erkenne mich in dem Wunsch wieder, Dinge wirklich zu verstehen, ein eigenes Fundament aufzubauen und Menschen über echte Begegnungen zu erreichen. Aber ich möchte mich nicht in einem Konzept festlegen lassen.
Mich interessiert vielmehr, wie ich wirken kann, ohne mich ständig beweisen zu müssen. Wie ich Menschen begleiten kann, ohne ihnen vorzugeben, was sie fühlen oder erkennen sollen. Wie ich Räume schaffen kann, in denen nicht noch mehr Antworten von außen kommen müssen, sondern die eigene Wahrnehmung wieder Platz bekommt.
Ich möchte nicht diejenige sein, die dir sagt, was du tun sollst. Ich möchte dich dabei begleiten, wieder besser zu hören, was in dir selbst vorgeht. Denn vielleicht kennst du deine Antwort längst. Vielleicht ist sie nur überlagert von all dem, was du denkst, was du solltest, was du gelernt hast und was andere von dir erwarten. Und vielleicht braucht es manchmal einen anderen Raum, um sie wieder wahrnehmen zu können. Einen Raum ohne Leistungsdruck. Ohne die Erwartung, etwas Bestimmtes erleben zu müssen. Einen Raum, in dem du nicht funktionieren musst. Sondern einfach da sein darfst.
Die eigene Stimme braucht nicht mehr Lautstärke. Sondern mehr Raum.
Ich glaube nicht, dass wir unsere eigene Stimme irgendwann finden und dann für immer sicher wissen, was richtig ist.
Auch ich bin immer wieder am Suchen, Fragen und Hinterfragen. Ich möchte lernen, meinem Körper zuzuhören, ohne jede Empfindung sofort erklären zu müssen. Ich möchte meine Herkunft achten, ohne mich von ihr festlegen zu lassen. Ich möchte meinen Verstand nutzen, ohne alles, was ich nicht erklären kann, sofort beiseitezuschieben. Und ich möchte mir erlauben, manchmal noch nicht zu wissen, wohin der Weg führt. Vielleicht ist das der Weg zurück zur eigenen Stimme.
Nicht lauter werden als die anderen. Nicht jede Antwort parat haben. Nicht immer sicher sein. Sondern wieder wahrnehmen, was in uns lebendig ist. Und den Mut entwickeln, dem auch im eigenen Leben Raum zu geben.
Denn wir sind nicht nur das, was wir gelernt haben. Nicht nur die Erwartungen, die wir erfüllen. Und nicht nur die Geschichten, aus denen wir kommen. Wir können würdigen, was uns geprägt hat. Wir können davon lernen. Und wir können selbst entscheiden, was durch uns weiterleben darf.

Wenn wir wieder anfangen, uns zuzuhören.
Vielleicht beginnt Veränderung genau in diesem stillen Moment, in dem wir aufhören, uns selbst zu übergehen. Wenn wir wieder anfangen, uns zuzuhören. Nicht nur mit dem Kopf. Sondern mit unserem ganzen Sein.
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